Home : Press Articles :

Rockhard interview with Paul

Information

Date: June 2004
Source: Rockhard
Interviewed: Paul
Translation: English

Interview

All die krassen Sachen
Ein Jahr lang war Deutschlands derzeit erfolgreichste Rockband komplett abgetaucht. Zwar erschien vor kurzem die DVD "Lichtspielhaus", doch die eigentliche Konzentration der sechs Musiker von RAMMSTEIN gilt einzig und allein dem nächsten Studioalbum. Exklusiv stand uns kurz nach Ostern Gitarrist Paul Landers Rede und Antwort und verriet alles Wissenswerte zur kommenden Platte, über zwischenmenschliche Probleme innerhalb der Band, über das Verhältnis zu Wladimir Klitschko und über den Versuch, einen Menschenfresser lyrisch zu verarbeiten.

Rockhard:Paul, wo bist du gerade? Paul:"Zu Hause, in Berlin. Wir sind kurz vor Ostern von Stockholm, wo wir unsere neue Platte aufnehmen, nach Deutschland geflogen. Unser Produzent und unser Mixer haben Familie und Kinder. Deshalb wollten sie einfach mal über Ostern abschalten."

Rockhard:Ist diese Pause in eurem Sinne, oder platzte sie in eine kreative Phase? Paul:"Da auch wir sehr familiäre Menschen sind, fanden wir das gar nicht schlimm. Olli (Riedel, b. - wrm) surft gerne und versucht, jede freie Minute am Meer zu verbringen, um dort schnell auf ein Brett zu springen. Er verbrachte Ostern an der Ostsee, und jetzt sind wir quasi wieder auf dem Sprung nach Stockholm."

Rockhard:Bevor wir zu Stockholm und zur neuen Platte kommen, würde ich gern mit dir über die Vergangenheit reden. Paul:"Ja, also der Bandname stammt von... (lacht)."

Rockhard:Hast du dir in letzter Zeit öfters mal eure bisherigen Alben - speziell "Mutter" - angehört?Paul:"Ja. Ich habe mir letztens, als wir mitten in der Vorproduktion waren, einen mp3-Player gekauft und unsere Alben draufgeladen. Dann bin ich den ganzen Tag durch die Stadt gezogen und habe mir alle Lieder angehört, die es von uns gibt."

Rockhard:Ist dir mal aufgefallen, dass zu Zeiten eures Debüts "Herzeleid" alle Welt über den unglaublichen Gitarrensound philosophierte, aber das wahre Soundwunder "Mutter" fast schon als selbstverständlich aufgenommen wurde? Paul:"Ich weiß jetzt nicht, was besser und schlechter ist. Fakt ist zumindest, dass "Herzeleid" roher klingt. "Mutter" hingegen klingt gebügelter, produzierter. Allerdings war "Herzeleid" damals in einer extremeren Position als Jahre später "Mutter". Man darf nicht vergessen, wann die Alben herauskamen. "Mutter" erschien in einer Zeit (2001 - wrm), in der viele andere Gitarrenbands Platten machten, die genauso gut oder besser als unsere Songs klangen. Deshalb ist "Mutter" nicht als Meilenstein in die Geschichte eingegangen. Ich finde "Herzeleid" im Nachhinein eher süß und denke heute nicht: Wow, was für ein Sound!"

Rockhard:Euer Produzent war von Anfang an Jacob Hellner. Um es mal zu überspitzen: Wenn er seine Leistung auf "Mutter" hört, müsste er sich für "Herzeleid" fast schon schämen. Paul:"Er hat genauso dazugelernt wie wir und damals die beste Arbeit geleistet, zu der er fähig war. Sowohl er als auch wir sind an unser damaliges Limit gegangen. Wenn ich ein altes Foto von mir sehe, dann schäme ich mich für die Klamotten, die ich damals getragen habe. Dann denke ich: Mensch, was hast du nur damals angezogen? Schwierig wird es, wenn ich bereits jetzt weiß, dass ich mich für die Klamotten, die ich jetzt trage und die ich sehr gut finde, in drei Jahren auch schämen werde. Das ist immer so."

Rockhard:Und so verhält es sich auch mit eurem Sound? Paul:"Genau. Zuerst denkt man ehrfürchtig: Mannomann! Das haben die Beatles früher auch gedacht, nachdem sie ihre Vier-Spur-Aufnahmen gehört hatten. So nach dem Motto: Jetzt hat die Bassdrum aber richtig Dampf (lacht)! Und genau so ist es bei uns. Wenn wir heute unsere neuen Songs hören, sind wir vom Sound total hingerissen und denken: Hammer! In zehn Jahren aber wird die Platte in der Oldie-Abteilung stehen."

Rockhard:Es heißt, dass ihr mit "Mutter" euren bisherigen Erfolg in den USA nicht wiederholen konntet und stattdessen regelrecht von vorn anfangen musstet.Paul:"Von vorn nicht. Aber wir hatten im Zuge unserer zweiten Platte "Sehnsucht" mit der Single ´Du hast´ einen Riesenerfolg. Diese Single lief in den Staaten fantastisch, und wir hatten viel mehr Erfolg, als wir uns je vorstellen konnten. Diesen Erfolg nahmen wir als gegeben hin und dachten: Alles klar, Amerika liegt uns zu Füßen! Später wunderten wir uns, dass es bei "Mutter" nicht so toll lief. Erst dachten wir, dass wir öfters drüben spielen müssen. Also taten wir das. Allerdings kam hemmend hinzu, dass eine bestimmte Person, die uns bislang fantastisch betreut hatte, unsere amerikanische Plattenfirma verließ. Diese Person war von uns infiziert und genau deshalb so wertvoll für uns. Dass es aber auch anders geht, zeigte uns England: Dort war "Mutter" unsere erfolgreichste Platte überhaupt. Alles in allem war es für uns sicher hilfreich, zu erleben, dass es nicht nur bergauf, sondern auch bergab gehen kann. Wir konnten den Rückgang in Amerika aber gut verkraften, denn in Europa lief es sehr gut."

Rockhard:Ist es nicht so, dass für Rockbands in den USA sehr oft gilt: aus den Augen, aus dem Sinn? Paul:"Nein, denn die engere RAMMSTEIN-Fangemeinde ist ja nach wie vor da. In Europa sind wir etabliert. In den Staaten gelten wir hingegen noch immer als Exoten, als eine Art Geheimtipp mit einer gewissen, festen Basis. Und diese Basis beträgt etwa 2.000 Leute pro Konzert. Und die Leute, die über diese Basis hinausgehen, gehören zu der Rubrik "aus den Augen, aus dem Sinn"."

Rockhard:Was hast du am Ostersonntag um halb fünf morgens gemacht? Paul:"Warte mal, das kann ich dir genau sagen: Da habe ich gerade von einem Kamel geträumt."

Rockhard:Also hast du nicht vor der Glotze gesessen und Schwergewichtsboxen geschaut? Paul:"Klitschko? Nee, habe ich nicht."

Rockhard:Ich frage deshalb, weil euer Hit ´Sonne´ ursprünglich als Einmarschhymne für Wladimir Klitschko gedacht war. Paul:"Ja, aber der Song war ihm zu hart."

Rockhard:War das Stück wirklich zu hart, oder sind RAMMSTEIN nach Klitschkos Meinung eine böse Band? Paul:"Das heißt, dass Klitschko zu lieb ist? Vielleicht (lacht). Wir hatten uns die Sache richtig schön ausgedacht: Die ganze Arena zählt mit - eins, zwei, drei, weiter bis zehn, und dann "Aus!". Genau bei "Aus!" kommt Klitschko in die Arena und geht zum Ring. In dem Moment, wo er im Ring die Arme hochreißt, erklingt der Refrain: "Hier kommt die Sonne!" So war es geplant."

Rockhard:Die Idee war jedenfalls super. Paul:"Ja, die Idee war gut. Er hätte das mal machen sollen, dann hätte er vielleicht keine Niederlagen erlitten. Was seinen letzten Kampf betrifft: Ich denke ja, dass jemand etwas in sein Wasser gemischt hat."

Rockhard:Vielleicht war es einfach nur Angst, die ihn lähmte. Paul:"Nein, er war doch ganz offensichtlich nicht in Form."

Rockhard:Oder es war Angst vor der eigenen Courage. Paul:"Er hat ja vielleicht gar keine Courage, vor der er Angst haben könnte. Ach, ich weiß es nicht. Vielleicht ist jemand, dem RAMMSTEIN zu hart sind, zu weich fürs Boxen. Er ist zu schwach."

Rockhard:Ist 'Sonne' extra wegen Klitschko entstanden? Paul:"Ja, wenn es damals diese Anfrage nicht gegeben hätte, würde es den Song so nicht geben. Als die Anfrage kam, setzte sich Till (Lindemann, v. - wrm) hin und umschrieb das Thema Boxen so mit Worten, dass es nicht so flach wirkt. Und dann entstand im Proberaum das Lied."

Rockhard:Und wenn es eine Anfrage vom Eishockey, Fußball oder Wrestling gegeben hätte? Paul:"Ach nö, die Klitschkos finden wir schon gut. Ich denke auch, dass die beiden Brüder ihre Karriere noch vor sich haben."

Rockhard:Von der misslungenen Geschichte übrig blieb jedenfalls einer eurer besten Songs überhaupt. Paul:"Und deshalb war es nicht schlimm, dass es mit Klitschko nicht geklappt hatte. Das Lied war ja gut. Wir jedenfalls dachten: Man kann niemanden zu seinem Glück zwingen. Wenn jemand unbedingt zu Tina Turners ´You´re Simply The Best´ einmarschieren will, darf er das. Ist auch ein schönes Lied (kichert)."

Rockhard:Und dann entstand ein Videoclip mit dem großen Schneewittchen und euch als sechs kleinen Zwergen. Paul:"Ja, wir versuchen generell, einen Videoclip nicht als Eins-zu-eins-Textübersetzung umzusetzen. Der Zuschauer soll zum Text noch Bilder geboten bekommen, die eine weitere Ebene schaffen, auf die er ohne Bilder nie und nimmer kommen würde."

Rockhard:Zeigt das Beispiel ´Sonne´/Schneewittchen, dass ihr inhaltlich nicht festgelegt und nicht zu packen seid, oder zeigt es, dass die Marke RAMMSTEIN vor allem viel mit Fantasie zu tun hat? Paul:"Es zeigt, dass wir ganz schön toll sind. Vor Schneewittchen hatten wir die Idee, dass wir zu sechst in dem Flugzeug sitzen, aus dem die Atombombe auf Hiroshima abgeworfen wurde."

Rockhard:Das ist nicht dein Ernst. Paul:"Doch. Erst kommt der Refrain - "Hier kommt die Sonne" -, danach geht die Bombe hoch. Wir hätten es allerdings auch so gezeigt, wie es wirklich war. Die Piloten, die in den Atombomben-Fliegern saßen, sind bereits tot. Sie haben sich das Leben genommen, nachdem sie an ihrer Tat völlig zerbrochen waren."

Rockhard:Einer der Piloten hat direkt nach dem Abwurf gerufen: "Oh, mein Gott! Was habe ich getan?" Paul:"Genau. Die Piloten hatten ihr Leben verwirkt. Wir jedenfalls wollten zeigen, wie sechs Menschen so etwas tun können."

Rockhard:Diesen Clip hätte kein einziger Musiksender ausgestrahlt, vor allem nicht in den USA. Paul:"Das darf man nicht denken. Man muss denken, dass man ein gutes Video machen will. Ob es dann gesendet wird, ist die zweite Frage. Aber wie auch immer, das war eine von vielen Ideen, die wir letztlich wieder verworfen haben. Wir kalkulieren mittlerweile auch, ob die Masse uns und unser Anliegen missverstehen könnte. Ich merke ja an deiner Reaktion, dass die Leute uns nicht verstanden hätten. Ich zumindest hätte es gut gefunden, wenn im Kontrast zu dem wunderschönen Refrain die Atombombe hochgegangen wäre. Da hätte sich niemand eines entsprechenden Gefühls erwehren können."

Rockhard:Sicherlich nicht. Aber die breite Masse würde euch komplett missverstehen. Sie wäre empört. Paul:"Genau das denkt jeder. Und deshalb ist es Quatsch."

Rockhard:Was aber wäre passiert, wenn es mit Klitschko geklappt hätte? Hattet ihr für diesen Fall eine Idee in der Schublade? Paul:"Nö. Ich weiß nicht, was dann passiert wäre. Vielleicht hätten wir dann was zusammen mit Klitschko gemacht. Das wäre aber schade gewesen, denn die Schneewittchen-Geschichte hat uns riesigen Spaß gemacht. Der Videodreh dauerte zwei Tage, und weil wir am späten Abend des ersten Tages keine Lust mehr hatten, von Babelsberg nach Hause zu fahren, schliefen wir gleich in dem kleinen Zwergenhaus. Ein Freund von uns fuhr zur Tankstelle und holte eine Kiste mit diversen Getränken. Danach ließen wir uns im Studio einschließen und feierten in dem Zwergenhaus eine richtige Zwergenparty. Im Making-of-Part der "Lichtspielhaus"-DVD gibt es eine Stelle, in der Flake (keys - wrm) etwas derangiert aussieht und einige Schwierigkeiten hat."

Rockhard:"Mutter" entstand damals zu einem großen Teil in einem Häuschen an der Ostsee... Paul:"Die Lieder entstehen an verschiedenen Plätzen. Aber wir fahren dann meist an einen Ort, um sie als Vorproduktion aufzunehmen. So, als ob man alle Notizen zusammenfasst. Das letzte Mal fand die Vorproduktion in Heiligendamm an der Ostsee statt."

Rockhard:Die Ostsee scheint euch überhaupt sehr am Herzen zu liegen, denn bereits zu DDR-Zeiten haben einige von euch mit eurer damaligen Band Feeling B die Sommerzeit stets auf der Insel Hiddensee verbracht. Paul:"Das machen wir noch immer. Es gibt ja nur zwei Möglichkeiten, wegzufahren: Entweder man fährt ins Gebirge oder ans Meer."

Rockhard:Habt ihr euch in dem Häuschen in Heiligendamm - also auf engem Raum - besser denn je kennen gelernt? Paul:"Nein. Am besten lernt man sich auf Tour kennen, denn es geht nicht noch enger. Das ist ein bisschen wie im U-Boot. Ab und zu taucht man auf und spielt ein Konzert (lacht)."

Rockhard:Wie ist euer neues Album entstanden? Wie können wir uns eure neue Platte vorstellen, ohne einen Ton zu hören? Paul:"Im Gegensatz zu unseren bisherigen drei Alben wurde die neue Platte in einer anderen Konstellation geschrieben. Die, die früher viele Ideen eingebracht haben, haben sich diesmal zurückgenommen, und die, die früher wenige Songideen hatten, sind diesmal viel mehr vertreten."

Rockhard:Wer gehört zu welcher Gruppe? Paul:"Das ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass das neue Album aus genanntem Grund eine andere Klangfarbe hat. Und: Im Gegensatz zur letzten Platte hat es uns diesmal wieder viel Spaß gemacht. Der Knoten ist geplatzt. Außerdem sind wir aus Zeitgründen fürs Songschreiben und für die Vorproduktion diesmal nicht weggefahren, sondern in Berlin geblieben."

Rockhard:Bedeutet deine Aussage, dass ihr an den Arbeiten zu "Mutter" nur wenig Spaß hattet? Paul:"Ja, "Mutter" machte wirklich nicht großartig Spaß. Das berühmte dritte Album, wie man immer so schön sagt. Zudem gab es zwischenmenschliche Gründe. Nach acht, neun Jahren hatten sich innerhalb der Band die Machtverhältnisse verschoben. Es passiert eigentlich in jeder Band, dass Ritchie Blackmore aussteigt, weil er mit Jon Lord nicht mehr kann. Jahrelang waren ihre Reibereien für die Zuhörer erquickend, aber irgendwann geht es allen Beteiligten so sehr auf den Senkel, dass einer aussteigen muss."

Rockhard:Aber niemand hat RAMMSTEIN verlassen. Paul:"Nee, das nicht. Aber es gab auch bei uns Knatsch und Stress zwischen zwei Leuten wegen Kompetenzschwierigkeiten sowie Über- und Unterschätzung. Wir mussten uns neu orientieren. Dabei hat es auch gekracht. Aber - ich klopfe auf Holz! - wir haben es gut überstanden, und so konnten wir mit Spaß am vierten Album arbeiten."

Rockhard:Die Namen der beiden möchtest du sicher nicht nennen. Paul:"Richtig. Es kann jeden mal treffen, denn jeder ist ab und zu uneinsichtig."

Rockhard:Noch mal zu den Klangfarben: Kannst du überhaupt von großen Unterschieden zu "Mutter" sprechen? Paul:"Wir haben versucht, den Gesang noch mehr in die Musik einzubetten. Oder anders gesagt: Die Musik ist mehr denn je eine Manege, in welcher der Gesang besser zur Geltung kommt. Wie zehn weiße Tiger. Eine Plattform, ein Flugzeugträger für die Worte (kichert)."

Rockhard:Sehr lyrisch ausgedrückt... Paul:"Ja, ich versuche, die besten Worte zu finden. Die Flugzeuge jedenfalls müssen schön starten können (lacht). Außerdem gibt es auf der Platte weniger Riffs, weil die Gitarren irgendwie anders sind."

Rockhard:Eher wie ein Gitarrenteppich? Paul:"Ich weiß es auch nicht. Halt irgendwie anders. Es gibt aber Leute, die sich das angehört haben und es eigentlich wie immer fanden. Für mich jedenfalls ist das Album schon anders als "Mutter", und für den aufmerksamen RAMMSTEIN-Fan sicher auch. Für meine Oma vielleicht nicht, aber für sie klingt auch jeder AC/DC-Song gleich. Wie auch immer: Für den einen wird es anders klingen, für den anderen ist die neue Platte genau dasselbe. Und beide Parteien haben wahrscheinlich Recht."

Rockhard:Als jemand, der eure Leistung auf "Mutter" nach wie vor sehr schätzt, sage ich mal ganz ketzerisch: Die neue Platte kann doch eigentlich nur eine Enttäuschung werden. Es ist doch fast unmöglich, "Mutter" zu toppen oder zumindest einen ebenbürtigen Nachfolger gegenüberzustellen. Paul:"Aber ich mach doch keine Platte, um die letzte zu toppen. Ich versuche jedes Mal, ein gutes Album zu machen. Das mag jetzt langweilig klingen. Aber deine Freundin macht doch auch nicht mit dir Schluss, weil du eine bessere... Okay, das ist vielleicht ein schlechtes Beispiel (lacht). Man kann eigentlich nur eine Freundin finden, irgendeine. Wenn man Glück hat, ist es eine gute, und wenn man Pech hat, sieht sie zwar hübsch aus, ist aber bekloppt. Eine Frau kann hübsch sein, und alle denken: Mann, wieso bleibt er nicht mit der zusammen? Aber ihr Charakter ist völlig bekloppt. Ein Album kann auch gut klingen, aber es muss auch Spaß machen, dieses Album zu schreiben. Ich habe schon oft die Erfahrung gemacht, dass Leute, die weniger erfolgreich sind, ganz verbissen und spaßfrei daran arbeiten, Erfolg zu haben. Und dass im Gegensatz dazu Leute, die eher so dahindümpeln, meistens guter Dinge sind. Wobei ich auch Leute getroffen habe, die ganz großen Erfolg haben und total entspannt sind. Was soll ich sagen: Metallica haben nach ihrem schwarzen Album auch weitergemacht. Man schreibt ein gutes Album nicht deshalb, damit man danach kein weiteres machen darf. Man versucht vielmehr, jedes Mal ein gutes Album zu machen. Oder um es diplomatisch zu sagen: ein anderes Album, eine Weiterentwicklung."

Rockhard:Es geistern bereits einige Songtitel sowie verschiedene Albumtitel herum. Welche Titel existieren tatsächlich? Paul:"Zuerst sollte die Platte "Amore" heißen, danach "Rosenrot", und zuletzt waren wir bei "Rot" angelangt. Zurzeit hat sie gar keinen Namen, und wir nennen sie im täglichen Sprachgebrauch "Das rote Album". Früher haben wir immer den Titel nach einem der Lieder gewählt, aber das ergibt sich auf dieser Platte nicht. Ein Song heißt zum Beispiel ´Stein um Stein´. Das passt irgendwie nicht als Albumtitel. Wir suchen also noch. Ein anderes Stück heißt 'Rosenrot'."

Rockhard:In dem es sicher um eine Frau geht... Paul:"Es geht darum, dass Frauen immer irgendwas wollen. Und der Mann macht es, obwohl er weiß, dass es nicht gut ist - für beide nicht gut. Aber er macht es trotzdem, und am Ende stirbt er. Was kann ich sonst noch erzählen? Ein Lied über Moskau ist dabei. Und eins über Amerika."

Rockhard:Weil ihr sowohl in Russland als auch in den USA wart? Paul:"Nicht unbedingt. In dem einen Lied geht es speziell um die Stadt Moskau. In dem Amerika-Song geht es um unser derzeitiges Verhältnis zu Amerika und um die aktuelle Situation. Viele Menschen meckern über Amerika, die Meinung ist in letzter Zeit gewaltig gegen Amerika umgeschwenkt - aufgrund der tadellosen Außenpolitik jenes Landes (kichert). Andererseits habe ich mal in meinen Schrank geguckt. Da hingen vier Jacken aus Amerika drin. Wenn man schon meckert, dass sich die Amerikaner überall einmischen und überall sind, dann sollte man bei sich selbst anfangen. Es ist schon wahr, dass Amerika überall ist. Aber es kann in vielen Fällen nur deshalb da sein, weil es gewollt ist. Man wird ja nicht gezwungen, zu "Burger King" zu gehen oder sich eine "Levi´s" anzuziehen. Insofern geht es um das Positive und um das Negative in einem Ganzen."

Rockhard:Ein Thema, das vor fünf Jahren bei RAMMSTEIN nicht denkbar gewesen wäre. Paul:"Ja, aber gerade der Amerika-Song drängte sich massiv auf, denn als wir die Arbeiten an der Platte begannen, war gerade Irakkrieg. Dem konnte man sich nicht entziehen. Wir haben ein solches Songthema nicht gesucht, vielmehr war es überpräsent.
Übrigens: Eine weitere Neuerung ist, dass auf der Platte auch ein wenig Russisch und ein wenig Englisch gesungen wird. Eventuell auch Französisch, aber das wissen wir noch nicht. Das Album ist zwar nicht auf international getrimmt, aber es ist halt nicht hundert Prozent deutsch."

Rockhard:Russisch ist gar nicht so abwegig. Paul:"Na ja, abwegig ist alles und gar nichts."

Rockhard:Russisch passt jedenfalls sehr gut zu Tills Ausdrucksform. Paul:"Wir haben das nicht gezielt gesucht. Es hat sich einfach so ergeben."

Rockhard:Richard Kruspe-Bernstein, dein Gitarristenkollege, sagte mal in einem früheren Interview, ihr wollt Popmusik mit harten Riffs machen. Popmusik meint auch, dass man eine breite Masse erreicht. Ab wann kann man im Falle von RAMMSTEIN sagen, dass ihr eine breite Masse erreicht habt, und ab wann wäre ein Album in euren Augen ein Flop? Paul:"Man hat eine breite Masse dann erreicht, wenn man ins Publikum guckt, und dort stehen Männer mit Schnurrbärten.
Ab wann ein Album ein Flop ist, definiert jeder anders. Ich selbst gehe nicht so sehr nach Verkaufszahlen. Michael Jackson hat ca. 40 Milliarden oder 40 Millionen Exemplare von "Thriller" verkauft (lacht). Die Platte darauf schaffte nur acht Millionen und war in seinen Augen oder auch in den Augen der Medien ein Flop. Acht Millionen! Das wäre für uns eine absolute Rakete. Insofern ist es Ansichtssache, was ein Flop ist."

Rockhard:Lass uns noch mal zurück zur DVD "Lichtspielhaus" kommen. Beeindruckend finde ich sowohl den Banküberfall-Clip als auch das Making-of von ´Ich will´. Dieser Clip erforderte eine enorme schauspielerische Leistung. Musstet ihr dafür üben, oder entwickelte sich während der Dreharbeiten eine gewisse Eigendynamik, weil ihr gemerkt habt, dass der Clip ein richtiger Hammer werden kann? Paul:"Also, wenn Jungs Schießen spielen dürfen, brauchen sie dafür nicht extra trainieren. Nein, das ging uns leicht von der Hand, zumal jeder von uns kriminelle Tendenzen in sich hat. Aber es war teilweise auch hart: Nach diesem Dreh würde ich jedenfalls keine Bank überfallen wollen, weil dieses Sondereinsatzkommando KSK - oder SEK oder so ähnlich - echt heftig ist. Richard meinte zu denen, dass sie keinen Schongang einlegen, sondern es echt aussehen lassen sollen. Die Typen haben uns dermaßen brutal auf den Boden geklatscht, dass ich gleich beim ersten Dreh ´ne blutige Nase hatte. Das sieht man gar nicht im Clip. Leider lief das Video nicht besonders lange im Fernsehen, weil es zu einer Zeit kam, in der zwei Flugzeuge ins World Trade Center gekracht sind. Die Leute hatten deshalb keinen großen Bock auf einen Videoclip, in dem Bankräuber Geiseln nehmen. Osama war auf Platz eins, und den konnten wir nicht toppen."

Rockhard:Wie groß war der Aufwand für diesen Clip? Paul:"Ein Tag Drehzeit im und um das DDR-Staatsratsgebäude."

Rockhard:Was kostet so was? Paul:"Da fragst du die falsche Person. Auf jeden Fall hatte unser Manager ein gutes Videobudget bei der Plattenfirma ausgehandelt. Normalerweise bekommt eine Band dort um die 30.000 Euro zur Verfügung gestellt. Wir hatten vielleicht 300.000 Euro. Ich weiß es nicht, aber ich vermute es mal. Wir hatten halt Glück, denn damals existierten noch die Verträge aus Friedenszeiten, bevor das ganze Dilemma bei den Majors begann."

Rockhard:Euer Basser Olli meint im Making-of, dass euer Selbstbewusstsein, was eure eigenen Songs angeht, gewachsen ist. Heißt das, dass euch eure frühen Songs, mit denen ihr unglaubliche Erfolge feiern konntet, nicht sonderlich geheuer waren? Paul:"Nein, wir waren einfach sechs naive Ostdeutsche, die auf trainierte Journalisten losgelassen wurden. Und wir haben unbeholfen versucht, uns gegen Sachen zu wehren, gegen die wir uns gar nicht hätten wehren müssen. Wenn ich unsere alten Interviews lese oder höre, schäme ich mich immer ein bisschen. Wir hatten einerseits keine Ahnung und andererseits immer das Beste gemeint. Aber eigentlich ist es aus heutiger Sicht betrachtet nur peinlich.
Wenn mir heute Leute vorwerfen würden, wir seien rechtsradikal, würde ich einfach nur kichern. Früher hätte ich zu einer ausschweifenden Verteidigungsrede angesetzt. So irgendwie: "Aber wir... Da und dort..."
Damals, nach diesen ganzen Vorwürfen, haben wir erst angefangen, uns damit zu beschäftigen, wer wir sind, was wir getan haben und wohin wir wollen. Am Anfang haben wir einfach nur losgelegt, ohne darüber nachzudenken, was wir tun."

Rockhard:Das Stück ´Ich will´ ist als Hommage an das Rockstar-Sein zu sehen. Paul:"Genau."

Rockhard:Andere Bands verhalten sich affig auf der Bühne, nerven mit Schlagzeugsoli und animieren mit "Heyheyhey!"- und "Ohohoho!"-Rufen das Publikum zum Mitmachen. Ihr habt das Ganze verschärft, indem ihr euch darüber lustig macht. Paul:"Der Song ist typisch für uns, denn er ist ironisch gemeint, aber auch wieder nicht. Natürlich veräppeln wir Bands, die diese Mitmachchöre anstimmen. Aber wir benutzen es selbst. Wir freuen uns ja auch, wenn Leute unten stehen und die Arme hochreißen und mitsingen. Als wir damals zum ersten Mal ´Seemann´ spielten, war es uns furchtbar peinlich, dass im Publikum Feuerzeuge geschwenkt wurden. Inzwischen ist das okay, weil es dazugehört. Aber es gibt verschiedene Möglichkeiten der Animation. Man kann sich wie Robbie Williams oder Fred Durst an den Bühnenrand stellen und die Hand ans Ohr halten, was ich total widerlich finde. Genauso widerlich finde ich Sprüche wie: "Oh, diese Stadt hier, Berlin. Ich liebe euch, es ist der Wahnsinn. Es ist das beste Konzert der gesamten Tour." Das ist eklige Schleimerei. Aber entweder merken die Leute das nicht, oder sie empfinden es nicht als Schleimerei. Insofern sollen diese Musiker das mal weitermachen."

Rockhard:Ihr hingegen redet generell nicht auf der Bühne. Paul:"Der Mann von der "Tagesschau" sagt auch nichts zwischen den Beiträgen. Er präsentiert nur die Fakten. Das muss reichen."

Rockhard:Also bedeutet RAMMSTEIN live: Fakten, Fakten, Fakten. Paul:"(Lacht) Wir lassen die Flammen für uns sprechen und müssen nichts dazu sagen. Es gibt ja viele Bands, die nicht reden. Und es gibt Bands, bei denen ich es süß finde, wenn sie viel erzählen. Zum Beispiel Die Ärzte. Da finde ich die Ansagen besser als die Musik. Wenn Farin redet, freue ich mich."

Rockhard:Welchen Einfluss haben das weltweite Tagesgeschehen und der morgendliche Blick in die Zeitung auf eure Song- und Textideen? Paul:"Es gibt Einflüsse. Wir überlegen zum Beispiel, ob wir ein Stück über Armin Meiwes, den Kannibalen von Rotenburg, auf unser Album nehmen."

Rockhard:Meiwes wurde verurteilt, weil er einen anderen Mann aufgegessen hat... Paul:"Was sagst du: Hättest du ihn verurteilt?"

Rockhard:Moralisch ja. Ob er juristisch zu verurteilen ist, weiß ich nicht. Paul:"Moralisch? Das gerade nicht. Juristisch ist er zu verurteilen."

Rockhard:Wenn du mich bitten würdest, dich zu kochen und zu essen... Paul:"Das würde ich nicht tun."

Rockhard:Aber wenn. Und angenommen, ich würde dich tatsächlich essen. Dann wäre ich eine Kreatur, die auch aus moralischer Sicht verurteilt werden müsste... Paul:"Du kochst doch auch dein Suppenhuhn, und es hat dich nicht einmal darum gebeten. Ich finde das ein bisschen frech: Wenn zwei Leute etwas ausmachen, die eine Person fragt "Willst du mich heiraten?", und der andere sagt "Ja, okay!", darf man sich als Dritter in deren Angelegenheiten nicht einmischen. Die beiden Handelnden in der Kannibalengeschichte wollten das ja. Und wenn es ihnen dabei gut ging, sehe ich keinen Grund, mich einzumischen."

Rockhard:Das ist der Stoff, aus dem Filme sind. Paul:"Wenn wir darüber ein Musikvideo machen würden, könnten wir ja Teile aus dem Originalvideo nehmen, das vor Gericht gezeigt wurde. Aber noch mal zum Thema: Wir können uns in unserer Fantasie nicht vorstellen, dass es Menschen gibt, die es gut finden, wenn sie angepinkelt werden. Oder dass es Männer, die beruflich in leitenden Positionen tätig sind, gut finden, in einem Bordell erniedrigt und ausgepeitscht zu werden. Aber all das gibt es, und es gibt noch viel mehr, noch viel krassere Sachen. Und wenn eine der krassen Sachen mal ans Tageslicht gerät, wundern sich plötzlich alle. Obwohl es solche Dinge immer und überall gibt."

Rockhard:Und was ist, wenn ein Kannibale straffrei bleibt, sich das nächste Opfer sucht, dieses gegen seinen Willen tötet und verspeist - aber behauptet, dass es im gegenseitigen Einvernehmen geschah? Paul:"Das kann er sich ja vorher schriftlich, quasi notariell, bestätigen lassen. Wie bei der Sterbehilfe, die ich übrigens befürworte. Ich finde es auch bekloppt, dass man sich im Auto anschnallen muss. Ob man sich anschnallen will oder nicht, soll doch jeder selbst entscheiden. Generell finde ich das Vorschreiben von Sicherheit bescheuert. Jeder soll es so machen, wie er will. Ich meine jetzt nicht Geschwindigkeitsbegrenzungen an gefährlichen Stellen. Wenn jemand so blöd ist und zu schnell um die Kurve donnert, soll er dafür bestraft werden. Aber wenn er sich nicht anschnallen will, soll er das Recht haben, am Baum zu sterben.
Oder Ampeln an der Straße: Ich habe nie in meinem Leben irgendwo eine Unterschrift geleistet, mit der ich mich bereit erklärt habe, dass ich bei Grün gehen darf und bei Rot stehen bleiben muss. Ich finde es frech, dass ich mich an diese Regeln halten muss. Früher war hier ein Wald, durch den ich frei laufen konnte. Heute ist hier eine Straße mit einer Ampel. Eigentlich müsste ja jeder Bürger zu Beginn seines Lebens einen Eid leisten: "Ich bin gewillt, mich hier unterzuordnen." Stattdessen wird man geboren und bekommt gesagt: "So, jetzt mach mal hier mit! Geh mal zur Armee und lass dich totschießen für uns! Zahl mal Steuern und bleib bei Rot stehen"."

Rockhard:Warst du bei der Armee? Paul:"Nee, dafür hatte ich keine Zeit. Aber ich bezahle ziemlich viele Steuern. Wenn ich von meiner Plattenfirma zwei Äpfel bekomme, muss ich den einen Apfel sofort wieder abgeben."

Recent News

April 20, 2008

  • Album Delay

March 31, 2008

  • Video Interview
Newsletter

Want to be kept up-to-date on important Rammstein news or what's happening with this site? Sign up for the mailing list!


Subscribe
Unsubscribe

Search This Site