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Date: April 2001
Source: Hammer
Interviewed: Flake and Paul
Interview
Interviewer:Mutter entwickelt den etablierten Rammstein-Sound in zwei Richtungen weiter. Zum einen gibt es einige sehr harte, fast punkige Songs, auf der anderen Seite stehen die pompösen, dramatisch strukturierten Epen, die noch bombastischer als früher wirken.Paul:Mein Reden - Balladen noch schmalziger, und ein wenig Punk dabei...Flake:Ursprünglich wollten wir die neue Platte viel experimenteller gestalten. Da sollte ernsthaft böser Elektro-Punk stattfinden. Nach HERZELEID und SEHNSUCHT erschien es uns dumm, eine dritte, genauso klingende Platte aufzunehmen. Es freut mich, dass du die Veränderungen siehst, denn ich wäre nicht glücklich damit, wenn alle nur sagen würden: Na klar, Rammstein, die nun wieder...
Interviewer:Obwohl sich eure Identität nicht verleugnen lässt. Wenn ich dich gerade richtig verstanden habe, konntet ihr euren bescriebenen Vorsatz nicht in letzter Konsequenz durchziehen.Flake:Wenn es nur nach uns gegangen wäre, hätten wir tatsächlich ein extremeres Resultat. Aber während der Produktion kam vieles zurück ins Rammstein-Boot. Es gab Zwischenphasen, da klangen manche Titel ernsthaft schräg. Letztlich ging es natürlich darum, ein Album aus einem Guss zu erhalten, dadurch schliffen sich die Kanten allmählich wieder ab.
Interviewer:Habt ihr damit zu kämpfen, dass die Produzenten, mit denen ihr arbeitet, sich zu sehr von ihrem Bild von Rammstein leiten ließen?Flake:Nein, kein Produzent könnte sich gegen den Willen der Band durchsetzen. Klingt blöd, aber es passierte einfach so. Letztlich werden die neuen Ideen immer noch von den gleichen alten Musikern interpretiert. Diese Handschrift wird immer deutlicher, je länger man an dem Material arbeitet und je weiter die Arrangemnts fortschreiten.
Interviewer:Habt ihr am Schluss, als es darum ging, aus den existierenden Songs elf für MUTTER auszuwählen, noch einmal versucht, diesen experimentellen Gedanken vom Beginn der Produktion aufzugreifen? immerhin sind ja mit 'Pastor' und 'Ohne dich' zwei sehr typische klassicsche Rammstein-Nummern nicht vertreten.Flake:Es macht als Metalband wenig Sinn, drei Balladen auf ein Album zu packen.Paul:Wir wissen, dass wir im Kontext mit den wirklich harten Bands leicht etwas albern wirken. Aber das ist nicht schlimm, denn wir versuchen, aus unseren Ideen das Beste zu machen: Riffs, so böse wie der Teufel, Druck bis zum Anschlag. Noch härter geht's bei uns nicht.
Interviewer:Der Einstieg mit 'Mein Herz brennt' erinnert ein klein weig an Puff Daddy. Zitiert ihr solche Elemente der Popkultur absichtlich?Flake:Das haben wir leider zu spät gemerkt - und uns ziemlich geärgert. Das Lied w're deswegen fast nicht auf der Platte gelandet, und vor allem nicht als Einstieg.Paul:Ich will das erst mal relativeren, denn das Ding ist von Led Zeppelin, und außerdem spielen die es anders. Andere Töne, anderer Rhythmus. Leider bringt es nur exakt das gleiche Gefühl rüber wie unseres... Klauen ist okay, aber optimalerweise lässt man sich nicht erwischen.Flake:Auf jeden Fal wollten wir nicht absichtlich was zitieren. Im HipHop geht das in Ordnung, die zitiern dann. Wenn wir das machen, oder: nicht machen, ist - beziehungsweise wäre - das Diebstahl.Paul:Du gehst als Komponist aber auch durch die Hölle. Glabst, du hast eine geile Idee, und dann kommt so ein ganz Schlauer und meint nur: "Prong, zweite Platte." 'Spieluhr' klang am Anfang original wie Prodigy, da mustten wir ewig dran rumschrauben...
Interviewer:Passiert das unbewusst, oder seid ihr hungrig nach Inspiration und begeistert von anderen Bands?Flake:Das passiert eben. Ich glaube, man könnte zu jedem Lied einen Anwalt losschicken, der mal checken soll, wo das geklaut wurde.Paul:Ist ja oft auch gut. Wenn ich nur an die Beatie Boys denke, die bei 'Fight For Your Right' aus dem 'Smoke On The Water'-Riff endlich mal einen geilen Song bastelten.
Interviewer:Kommen wir zurück zu einem härteren Album, dem ihr mit MUTTER einen geradezu kuscheligen Titel verliehen habt. Arbeitet ihr bewusst mit solchen Kontrasten?Flake:MUTTER lässt vie Spielraum für Interpretationen. Wir merkten das, als wir die Fotos machten. An sich schwimmen wir da als Leichen in Formaldehyd, aber mittlerweile interpretiert das jeder als Fruchtwasser. Die Frage nach dem Warum lässt sich einfach beantworten: Wir fanden keinen besseren Titel. FEUER FREI! wäre sicher nicht so toll gekommen, oder?Paul:MUTTER ist ein emotionaler Begriff mit weitem Assoziationsfeld. Wir versuchen immer, die Sachen ofen zu lassen, wir sheuen den platten, direkten Zugang. In 'Heirate mich' geht es um Nekrophilie, aber wir würden nie als Refrain "Nekrophilie, schön wie nie" nehmen. Dadurch, dass wir ein sehr hartes Album MUTTER betiteln, stellen sich sofort Fragen. Wobei ich ehrlich sein will: Mir ist der Titel zu pathetisch, vor allem, weil er so mit der Idee eines problematischen Verhältnisses zwischen Mutter und Sohn spielt. Das ich, im Gegensatz zu gewissen anderen Bandmitgliedern, nicht habe.
Interviewer:Wie stark identifiziert ihr beide euch mit den Texten? Fällt es euch leicht, einen Draht zu Tills Lyrik zu finden?Flake:Wir kritisieren so lange an seinen Schöpfungen herum, bis wir hinter ihnen stehen können. Beswegen dauert es so lange... Ich habe immer wieder mit einzelnen Worten massive Probleme, aber daran scheitert es letztlich nicht.Paul:Till steht in der gleichen Position wie jeder andere in der Band: Er schlägt was vor, wir sind die Jury.
Interviewer:Ist das für ihn nicht eine sehr belastende Sache? Immerhin haben viele Texte ja einen persönlichen Kern.Flake:Er schreiber über alles, was ihm in deen Kopf kommt. Wir geben nie die Themen vor, sondern entscheiden nur, ob wir die Idee benutzen wollen.Paul:Till ist so gut, dass er, wenn man ihm zu verstehen gibt, sein Text solle vielleicht nicht so sehr in diese, sondern mehr in eine andere Richtung gehen, schon am nächsten Tag eine neue Version anschleppt. Der kennt da nichts.Flake:Natürlich hängt gelegentlich sein Herz an einem bestimmten Text. Dann schnappt er ein, und wir halten besser für 'ne Weile die Klappe. Aber auch Till weiß, dass Text und usik irgendwann zusammenkommen müssen. Insofern: Ja, es gibt Revierkämpfe, aber niemand kann sich bein uns diktatorisch durchsetzen.
Interviewer:Schreibt er seine Lyrik zur bestehenden Musik?Flake:Beides. Wobei viele Ideen zuerst als eine Art Gedicht entstehen. Aber manchmal geben wir im eine Instrumetalversion, durch die er sich inspirieren lässt. 'Weißes Fleisch' und 'Laichzeit' etwa liefen sehr assoziativ. Manchmal klappt das allerdings überhaupt nicht, es gibt auf MUTTER Lieder, die eine ganze Anzahl verschiedener Texte verschlangen, bis sie fertig waren. 'Adios' etwa hieß früher mal 'Alles wird nass' - sehr süß, aber nicht hundertprozentig auf den Punkt. Irgendwann packte Till dann diesen Drogentext aus, und voilà: Das war's.
Interviewer:Sucht ihr auch textlich eine Balance? Immerhin hat MUTTER wieder den obligatorischen, gerade angesprochenen Drogensong, dazu die üblichen Sexnummern...Paul:Sex ist 80 Prozent jeder Art von Musik, da sollte man sich nicht wundern. Unser Problem zurzeit ist, dass die guten Wörter der Neige zugehen. Wir kommen in ein Stadium, in dem wir uns wiederholen werden. Das möchten wir vermeiden, aber wir wissen noch nicht wie. Vielleicht wird es in Zukunft auch mal englische Texte geben.
Interviewer:Wie laufen diese eurem Schaffensprozess grundsätzlich zugrunde liegenden Diskussionen ab - etwa über die Texte?Paul:Die Musik schrieben wir in unserer Villa mit Meerblick in Heiligendamm an der Ostsee. Die Band trümmerte wacker vor sich hin, und Till schrieb Texte, die er auf Zetteln an die Wand hängte. Da klebten etwa 40 Blätter, jeder konnte hingehen und sie sich durchlesen. Ich ging hin, machte Anmerkungen und schrieb Schulnoten drunter. Die guten blieben hängen, die bösen kamen in die Tonne. im "zentralen Kommanddostand" befand sich eine große Schultafel, die Olli und Schneider verwalteten. Darauf standen die gerade aktuellen Lieder mit Anmerkungen, was noch felth - etwa bei 'Links' der Refrain, bei 'Mein Herz brennt' die Strophe. Morgens versammelten wir uns immer vor dieser Tafel und versuchten, einen Problembereich nach dem anderen zu elimineren. Es lief nie so ab, dass wir Till reinredeten, vielmehr hatte er die Freiheit, zu tun und zu lassen, was er wollte, und wir begutachteten gemeinsam das Ergenbnis.
Interviewer:Eine so aufwändige Produktion wie die von MUTTER - sie dauerte fast anderthalb Jahre - sollte doch eigentlich zur absoluten Zufriedenheit eurerseits führen. Oder schmerzen manche Kompromisse?Paul:Nein, aber das garantiert keine Perfektion. Unser größtes Problem ist, dass die Songs in den Strophen immer ein wenig in sich zusammenfallen. Das muss so sein, damit man den Text versteht. Limp Bizkit etwa können das sehr gut: leise werden und dennoch die Spannung halten. Wir suchen noch nach der optimalen Formel für uns. Wenn's zu leise wird, kehrt Langeweile ein, machen wir in den Strophen zu viel, knallt der Refrain nicht mehr genug. 'Links 234' steht in meinen Augen an der Grenze, bevor wir losmarschieren, droht der Song einzuschlafen.
Interviewer:'Links 234' ist textlich einer der bemerkenswertesten Songs auf MUTTER, weil ihr euch erstmals als Künstler zu den nach SEHNSUCHT und vor allem nach dem Video zu 'Stripped' vehement geführten Diskussionen um eure politische Ausrichtung äußert. Eine kleine kontroverse Spitze besitzt der Song aber auch: "Das Herz schlägt links" zu Marschmusik. Was beabsichtigt ihr damit?Paul:Wir wollten damit ausdrücken, dass jemand, der böse war in den Augen der Kritiker das, was wir gemacht haben, aber die Tatsache besteht, und das macht die klare politische Aussage dieses Liedes aus, dass wir weiter links stehen, als diese Kritiker es wahrhaben wollen.
Interviewer:Was aber nicht bedeutet, dass ihr im politischen Spektrum der heutigen Zeit eine eindeutige Position einnehmen wollt?Paul:Wir sehen die Welt anders als in links und rechts aufgeteilt. Aber für diesen Song bedienen wir uns der schlichten Schwarzweißmetaphern, die Journalisten scheinbar wichtig finden, um uns zu erklären. Tatsache ist aber: Die Welt ist deutlich komplizierter aufgebaut, als dass man sie auf einer Linie von links nach rechts aufmalen könnte. Für mich gibt es gute und schlecte Menschen, Geld, das regiert, Konzerne, die die Fäden ziehen, und ein aufgesetztes politisches Spektrum für die Doofen, die such darauf einlassen und daraus Gründe ableiten, um sich auf Maul zu hauen.
Interviewer:Glaubst du, dass diese Diskussion über die politische Einordnung von Rammstein noch aktuell ist?Paul:Vor zwei Jahren hatten wir die Schnauze gestrichen voll. Wir beschlossen, uns weder zu erklären noch zu entschuldigen. Damals wurden wir aus einer völlig unerwarteten Richtung angegriffen. Die Falschinterpretationen dessen, was wir machen, nahmen derart Überhand, dass wir zu zweifeln anfingen. Insofern tat uns die lange Pause gut. Wir konnten uns fangen, und wir wissen, dass wir gut sind. Heute kann ich wieder hinter allen Sachen, die wir gemacht haben, stehen. natürlich spielte die Zeit für uns, und auch unser internationaler Erfolg macht uns weniger angreifbar. Aber uns war es wichtig, mit einem Lied wie 'Links 234' unserem neu gewonnenen Selbstbewusstsein auch eine hörbare Stimme zu verleihen.
Interviewer:Die Attacken kamen in meinen Augen zu einer Zeit, da sich dieses Land erst daran gewöhnen musste, dass es so etwas wie Rammstein gab.Paul:Verstehe ich. Ich weiß nicht, was ich kenden würder, wenn ich Rammstein nie geshen hätte. Deswegen haben wir dieses Ding auch über die großen Tourneen aufgebaut, und deswegen haben wir auch Erfolg. Wer uns auf der Bühne sieht, weiß, woran er ist. Wir sind nun mal eine Band, keine Journalisten oder Politiker. Unser Medium ist das Konzert, die CD oder das Video. Wir tun uns schwer, wenn wir uns in Interviews erklären müssen. Es fehlt uns die Erfahrung und auch die Lust.
Interviewer:Warum wurde 'Links 234' in Amerika anstelle von 'Sonne' als erste Single veröffentlicht?Paul:Ganz einfach - die Amis wollen das harte Zeug. Nicht unsonst stehen drüben Korn auf Platz 1 der Charts. Mit den sanften Sachen kannst du da nicht landen, es muss kloppen. Die Radiosender dort hatten echte Probleme mit 'Du hast', weil sie die Sequencer am Anfang nicht mochten. Da kamen Anfragen, ob sie das wegschneiden dürften.
Interviewer:Und wie lautete eure
Antwort?Paul:Macht doch, was ihr wollt.
Interviewer:Viele eurer Bemühungen zielen mittlerweile auf den internationalen Markt. Habt ihr die anderen Umstände im Ausland, wo eure Musik kaum über die Texte wahrgenommen werden kann, im Auge?Paul:Wir haben im Auge, gute Lieder zu machen, nichts anderes. Wir können nicht international denken, wenn wir Songs schreiben, das geht voll in die Hose. Wir haben es versucht und glücklicherweise schnell gemerkt, dass dabei nur Scheiße rauskommt. Wenn wir gut sind, reicht das für ganze Welt. Einen Mercedes kann man auch unverändert weltweit verkaufen.
Interviewer:Zum Abschluss noch eine Frage aus purer Neugierde: Steht eure neue Show schon, und was können wir erwarten?Paul:Es wird eine Mischung aus alten und neuen Liedern sein. Wir werden die Lieder weglassen, die uns nach sechs Jahren auf den Sack gehen, nur unsere Lieblingssongs von den alten Platten spielen und das Ganze mit den Favoriten von MUTTER auffüllen. Die Effekte bei den Klassikern werden bleieben, und zu den neuen Stücken müssen wir uns noch was einfallen lassen. Wir geben wie immer unser Bestes, aber leider wird die Zeit etwas knapp. Bisher stehen nur Grundideen, ich fliege jetzt bald nach New York, um mich mit einem talentierten Designer zu treffen, der uns noch auf die Schnelle eine Bühne hinstellen soll.