Information
Date: June 1998
Source: Break Out
Interviewed: Richard
Interview
1,5 Millionen verkaufte "Herzeleid" und "Sehnsucht"-Alben hierzulande! Dazu kommen noch die Verkäufe der Single-Veröffentlichungen von "Engel", "Engel" Fan-Edition, "Du hast", "Das Modell" und dem Depeche Mode-Cover "Stripped"! In den USA liegen die Verkäufe von dem "Sehnsucht"-Album bei 160.000!!! Billboard-Charts Platz 163!!! In den restlichen europäischen Ländern wie Spanien, Italien, Österreich, Holland, Schweden, Norwegen oder Dänemark sind die Verkäufe derart gut, daß die hiesigen Polygram-Ableger zur Zeit nachträglich die Veröffentlichung von Rammsteins Erstling "Herzeleid" vorbereiten. Aber auch die Japaner sind mittlerweile von der Rammstein-Hysterie erfaßt worden. Auch bei den Nippons laufen die Veröffentlichungsvorbereitungen auf Hochtouren. Was denkt die Band über ihren weltweit entfachten Flächenbrand?
Break Out:Gitarrist und Mitsongwriter Richard stellte sich BREAK OUT einem Exklusiv-Interview zur Verfügung und begann auch gleich, mit Euphorie über ihre gerade beendete Nordamerika-Tour zu berichten:Richard:Es war phantastisch in den USA. Nachdem wir ja schon mit KMFDM eine kleine Clubtour im letzten Spätjahr hinter uns gebracht hatten, waren wir nun, nachdem ja auch 'Sehnsucht´ veröffentlicht war, als Headliner unterwegs. Alle Clubs, in denen wir spielten - egal ob in Los Angeles, Chicago oder New York - waren ausverkauft mit 1.500 bis 3.000 Leuten. Wir haben die deutsche Sprache in den USA kulturfähig gemacht! Vor uns gab es keinen deutschsprachigen Akt, der in den USA derartige Erfolge feiern konnte. Einmal hatten wir sogar von den Feuermarschalls verboten bekommen, unsere Show zu präsentieren - in den USA ist ein unglaublicher Sicherheitsapparat in Sachen Feuerschutz vorhanden! So waren wir gezwungen, ein komplett showfreies Konzert abzuliefern... Übrigens das erste, seit wir als Rammstein auf der Bühne stehen. Es war total ungewohnt, und wir konnten uns voll auf das Musikalische konzentrieren.
Break Out:Heißt das, daß ihr jetzt öfter ohne Show spielen werdet?Richard:Neulich habe ich mir ein altes Kiss-Video angeschaut, weil ich früher im Osten ein großer Fan von Kiss war. Das ganze Erscheinungsbild und die Show hatten mich damals total begeistert. Jetzt habe ich aber gemerkt, wie schlecht das eigentlich gemacht war und was für schlechte Songs die Band hatte. Und da möchte ich mich nicht einreihen. Ich möchte nicht schlechte Songs hinter irgendwelchen Effekten verstecken müssen. Aus diesem Grund war es auch wichtig, daß wir dieses Konzert gespielt haben und gemerkt haben, daß die Leute nicht nur auf die Effekte stehen, sondern uns auch musikalisch mögen. Es ist ja nicht so, daß wir die Show nicht wollen oder mögen. Ich für meinen Teil habe aber immer gesagt und werde es auch immer sagen, daß Rammstein nicht nur auf die Show bauen soll und das Musikalische außen vor gelassen wird.
Break Out:Wie war das eigentlich mit den beiden Tracks "Engel" und "Du hast", die in englisch eingesungen wurden und als Bonustracks auf der amerikanischen Version von "Sehnsucht" enthalten sind?Richard:Zum einen haben wir es gemacht, weil die amerikanische Plattenfirma es so wollte, zum anderen von uns aus, um zu sehen, ob sich der Charakter des Songs verändert, was er dann meiner Meinung nach auch getan hat. Nach der Veröffentlichung von 'Sehnsucht´ ist aber folgendes passiert: Die DJs und Fans wollten von uns gar keinen englischsprachigen Song hören. Sie wollten uns in deutsch hören und sangen auch in deutsch mit! Auch nach den Konzerten sprachen uns die Kids an und sagten, daß wir es bleiben lassen sollen, in englisch zu singen. Somit war das Thema, englisch zu singen, auch hinfällig geworden.
Break Out:Ihr seid nun fast mit eurer Europatournee fertig, und es stehen noch die Gigs bei Rock im Park und Rock am Ring als Co-Headliner an. Desweiteren werden noch Veröffentlichungen in Asien und Japan vorgenommen. Dies alles ohne internationales Management. Wie ist das als deutsche Band zu bewerkstelligen?Richard:Wir merken gerade selbst, daß wir zu einer Art Weltband umgeformt werden. Das ist eine ganz neue Erfahrung, die wir gerade machen. Ich persönlich bin ein Mensch, der da gar nicht so viel drüber nachdenken will, denn um so mehr, wie du darüber nachdenkst, bewegen wir uns auf einer Größe, die mir gar nicht so sehr gefällt. Wir sind alle relativ normal geblieben trotz dieses Erfolges mit Rammstein. Dies bestätigen uns auch immer wieder die Fans. Wir sind alle cool geblieben, aber es ist natürlich ein total geiles Gefühl, Erfolg zu haben. Was die anderen Länder wie Japan betrifft, so muß man natürlich aufpassen, daß man sich nicht übernimmt. Ich bin immer ein Mensch gewesen, der gesagt hat, Qualität geht vor Quantität, d.h. in jedem Land, wo du spielst, handelt es sich um eine Investition. Wo du einmal gespielt hast, erwarten die Fans, daß du wiederkommst. Das ist wie mit einer Frau, die du kennenlernst und sie magst. Dann erwartet man ja auch, daß man einmal telefoniert oder sich schreibt. Genauso ist es auch mit den Fans überall auf der Welt. Es ist ja auch die Emotionalität, die da zwischen Band und Fans ausgetauscht wird, ein richtiges Geben und Nehmen. Aus diesem Grund sollte man sich ganz genau überlegen, wo man spielt und ob man die Zeit hat, dort wieder hinzukommen. Japan ist natürlich eine geile Sache, aber die USA sind sehr groß, Europa ist sehr groß - aus Deutschland kommen wir, dort leben wir und dort haben wir den Fans die größte Verpflichtung gegenüber. Ich möchte nicht in drei Jahren so abgetourt sein, daß ich überhaupt keine Lust mehr auf Tourneen habe.
Break Out:Man kann nur hoffen, daß dies nie eintreten wird. Dennoch muß Rammstein sich auch Gedanken um eine Platte machen. Richard:Nun, das ist sehr schwierig geworden. Früher habe ich die Songs einfach so geschrieben, und sie wurden aufgenommen. Aber seit der Veröffentlichung von 'Sehnsucht´ wird bei jedem Song der Hitcharakter gesucht. Da Rammstein ein absolutes Single-Thema geworden ist, hast du beim Schreiben neuer Songs immer so ein Problem, ob der Song auch dem Hitaspekt entspricht. Man kann nicht mehr richtig frei komponieren. Es ist nicht befreiend, wenn ich mich hinsetzen muß und ein Song unter dem Single-Hit-Thema schreiben muß. Es wird immer komplizierter für mich. Dann gibt es da noch ein zweites Problem: Man ertappt sich immer wieder dabei zu sagen 'Das hab ich schon mal gehört´ oder 'Das kenn ich doch´ - sich quasi selbst kopiert. Da ich auch ein sehr langsamer Schreiber bin, ist natürlich die dritte Platte eine sehr große Herausforderung. Es ist allerdings auch generell das schwerste Projekt bei einer Band, die diesen Erfolg mit zwei Platten hatte, die dritte genauso erfolgreich zu machen. Für mich ist es wie gesagt eine riesige - wenn nicht sogar die größte Herausforderung schlechthin. Ich freue mich aber auch darauf. Aber in den nächsten anderthalb Jahren werden wir keine neue Platte bringen. Ich persönlich spreche immer vom 'Projekt 2000´.
Break Out:Aber nicht nur in Sachen neuer Platte ist Rammstein tätig. Vielleicht werden wir die Jungs aus dem Osten Berlins demnächst in Hollywood bewundern können. Richard:Wir haben momentan einige Angebote im Filmbereich, Soundtracks schreiben, oder vielleicht wollen auch wir einen eigenen Film drehen. Wir warten momentan nur noch auf das Drehbuch und werden dann weiter sehen. Als nächstes nach den Live-Konzerten werden wir ein neues Video drehen zu dem Depeche Mode-Hit 'Stripped´, das wir für einen Tribut-Sampler gecovert haben.
Break Out:Filmerfahrung haben Rammstein bei dem Videodreh zum neu aufgelegten "Du riechst so gut" von der ersten Platte sammeln können, was für meinen Geschmack etwas Splatter-mäßiger hätte ausfallen können.Richard:Es hat ja auch etwas mit Ästhetik zu tun, wenn man so etwas macht. Wenn wir ein reines Splatterclip gedreht hätten, würde es sowieso nicht gesendet werden. Für uns war es wichtig, daß die Grundästhetik rüber kommt, wie die Zeit, in der es spielt (Rokokozeit), das dekadente Getue der Leute von früher und die Klamotten. Wichtig war auch, das alles in schwarz gehalten wurde und nur Rammstein in weißen Klamotten unterwegs sind. Ich persönlich hatte eine absolute Horrorerfahrung bei dem Dreh. Es handelt sich um die Szene mit den Wölfen unter dem Kleid. Um 17 Uhr war ich fertig zum Dreh und mußte bis 2 Uhr morgens warten, bis ich dran war. Fast acht Stunden mit Kontaktlinsen, am ganzen Körper so komisches Glibberzeugs und dazu das Kleid, mit dem man sich nirgends hinsetzen konnte. Der absolute Horror. Um 2 Uhr morgens wurden dann meine Füße gefilmt, und der eigentliche Dreh fand dann um 8 Uhr morgens statt. Ich war körperlich so am Ende, daß mir zum Schluß alles egal war. Insgesamt haben wir vier Tage an diesem Clip gedreht.
Break Out:Hattet ihr auch Einfluß auf die Special-Effects?Richard:Wir haben generell auf alles Einfluß, was Rammstein betrifft. Die Idee sowie das Drehbuch zum Video war schließlich von uns. Als wir den Rohschnitt aus Amerika bekamen, schauten wir uns diesen an, danach setzen wir uns ins Flugzeug nach New York, um bei den Änderungen persönlich anwesend zu sein.
Break Out:Wie kommen Rammstein mit dem Vorwurf klar, abzocken zu wollen, da nach der Veröffentlichung von "Du riechst so gut" auch die Veröffentlichung der Single-Kollektion auf dem Plan steht? Richard weist aber alle Vorwürfe von sich:Richard:Das Problem, das sich daraus ergibt, das haben wir schon berücksichtigt. Es hat aber auch einen Beigeschmack, der uns natürlich auch nicht gefällt und paßt. Wir waren aber andererseits auch der Meinung, daß 'Du riechst so gut´ ein großartiger Song ist und am Anfang leider nicht so die Beachtung gefunden hat, wie er eigentlich verdient hatte. Der Song wurde damals veröffentlicht, als noch niemand an Rammstein geglaubt hatte. Aus diesem Grund haben wir uns gedacht, warum sollen wir so einem Song nicht noch einmal eine Chance geben. Eigentlich hätte der komplette Song auch noch neu gemixt werden sollen, aber als wir uns hinsetzten, um ihn neu zu mixen, stellten wir selbst fest, daß er nicht besser zu mixen geht. So sind wir wieder zum alten Mix zurückgekehrt.
Break Out:Hat diese Single-Veröffentlichung vielleicht auch damit etwas zu tun, das "Herzeleid"-Album nochmals in den Ver- käufen anzukurbeln?Richard:Dies ist vielleicht im Sinne der Plattenfirma, aber nicht in unserem Sinne. So denken wir nicht, so wirtschaftlich, so nicht.